Mittwoch, 19. Mai 2010

Guten Morgen!

Langsam wird mir bewusst, dass ich wach sein muss. Habe ich geschlafen? Offensichtlich schon, sonst wären meine Augen nicht geschlossen. Ich fühle eine Decke um meine Beine, meine Arme sind in mein Kissen verkrampft. Ansonsten fühle ich nichts. Ich will meine Augen öffnen, aber die Aussicht auf grelles, schmerzendes Licht, das sich seinen Weg in mein Gehirn bahnt, lässt mich den Plan verwerfen.
Meine Gedanken sind seltsam gedämpft. Ich spüre meinen Körper nicht.
In solchen Momenten frage ich mich, ob ich überhaupt noch lebe.
Ich bin losgelöst vom Rest der Welt. Ich höre nichts, ich sehe nichts. Ich denke noch nicht einmal richtig. Alles ist farblos. Natürlich ist das eine komische Aussage, was ist schon farblos? Weiß? Durchsichtig? Schwarz, da das ja auch keine Farbe ist? Ich weiß es nicht, ich sehe nichts. Und auch wenn bei geschlossenen Augen angeblich alles schwarz ist, sehe ich auch kein Schwarz.
Es ist ein wenig gruselig, meinen Körper nicht zu spüren. Ich weiß, dass ich Angst habe. Ich mag es nicht, mich selbst nicht unter Kontrolle zu haben. Aber ich empfinde keine Angst. Ich lebe in einer Welt, in der alle Gefühle seltsam stumpf ist. Alles besteht aus Tatsachen, Fakten. 
Ich habe Angst. Ich bin einsam. 
Diese Sachen stehen für mich fest. Ich weiß, dass es so ist. Wozu muss ich es fühlen, wenn ich es doch weiß?
Gleichzeitig senkt sich der Schleier der Müdigkeit über mich und ich frage mich, ob ich gerade einschlafen wollte oder aufgewacht bin. Es fühlt sich alles gleich an.
Dann fängt es an.  
Ganz langsam bohren sich Zeichen der Außenwelt in mein Bewusstsein.
Es beginnt mit einem entfernten Summen, unaufhörlich, erbarmungslos. Licht, dass sich durch meine geschlossenen Augenlieder bohrt. Schmerzen, die meinen Körper allmählich erwecken.
Trotzdem ist alles stumpf, gedämpft. Ist das mein Körper, den ich da spüre? Bin ich in meinem eigenen Bewusstsein, in meiner eigenen Hülle? Oder träume ich, nur um eines Tages tot aufzuwachen? Sind das alles nur Erinnerungen an eine frühere Existenz, weil ich in Wirklichkeit gerade meine letzten Atemzüge nehme? Kontrolliert jemand mein Gedächtnis und spielt mit meinem Bewusstsein?

Wie jeden Tag beginnt mein Morgen also mit dem Griff zu meinem Hals.
Eins zwei drei vier fünf sechs sieben acht neun zehn elf zwölf dreizehn vierzehn fünfzehn...
Ich höre auf zu zählen, fünfzehn ist meine magische Grenze, alles ist okay.
Jetzt kann ich auch meinen eigenen Atem hören, spüre mein Herz schlagen, das Heben und Senken meines Brustkorbs. Und endlich kann ich meine Augen öffnen und mein Handy ausstellen, das laut Anzeige schon seit zehn Minuten vibriert. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass es viel zu spät ist. Ein kurzes Abschätzen und ein zweiter Blick lassen mich wieder zurück fallen und an die weiße Decke starren. 
Ich fühle mich genauso kaputt wie gestern Abend. Und gestern früh. Gleichzeitig wirbeln meine Gedanken in meinem Kopf, ein dröhnendes Inferno aus Fetzen und Fragmenten, die mich krank machen und mir keine Ruhe geben. Ich weiß, ich könnte sie aufschreiben, das hilft. Aber schon ist die Barriere zwischen Körper und Geist wieder aktiv. 
So bleibt mir nichts anderes übrig, als die Augen in Selbstbetrug zu schließen und die Sekunden zu zählen. 
Schade, dass hier nicht auch fünfzehn die magische Grenze ist. 
Es ist ein Morgen wie jeder andere. Ein Tag wie jeder andere. Und obwohl ich dieser bleiernen Routine so gerne entkommen würde, habe ich doch zu große Angst vor einer Veränderung. 
Ich weiß, wie ich mich verhalte. Ich kenne mich an diesen Tagen.
Aber woher soll ich wissen, wie ich bei einer anderen Situation reagieren soll?
Also schließe ich die restliche Welt einfach aus und widme mich dem Chaos in meinem Inneren, bis es endlich von rastloser Ruhe überwältigt wird und ich gar nicht mehr denken kann.