Montag, 16. August 2010

Die Made

 

Oh sieh mal: Eine Made.

Eklig, weiß, sich windend in dem Bestreben voran zu kommen. Für sie ist jeder Zentimeter ein Sieg. Wie will sie da jemals die Welt so sehen, wie sie ist? Wie will sie jemals diese Unendlichkeit begreifen? Wie tief will sie ihre Ziele noch stecken? Erbärmlich kriecht sie voran, frisst sich krank an Aas, befleckt die Erde mit ihrem fetten, schleimigen Leib.

Sieh sie dir an. Sieh sie dir genau an und sage mir, was du siehst.

Fühlst du dich überlegen?

Fühlst du dich besser als sie, wertvoller?

Merkst du nicht, dass du genauso bist wie sie, gefangen in der Winzigkeit und Anmaßung deiner Welt, deiner Existenz?

Du kriechst im Dreck und denkst, du erkundest die Welt.

Du verlierst dich in deinem Mikrokosmos und meinst, du hättest alles gesehen.
Du bist erbärmlich, genauso wie sie.

Und doch nennst du dich entwickelt, intelligent, modern und überlegen? Siehst du nicht, wie lächerlich du bist? Wie niedrig? Wie klein und dreckig?

Weißt du, was man mit Maden macht? Was du mit Maden machst?

Richtig, du zertrittst sie. Zermalmst sie.

Denkst du etwa, dein Schicksal wird anders ausgehen?

Nein, auch du wirst eines Tages einfach ausgelöscht werden. Von etwas Größeren zerquetscht, dass du in deiner ach so perfekten, kontrollierten Welt übersehen hast. Dann merkst du, dass deine Welt anscheinend doch kleiner war, als du gedacht hast.

Vielleicht schneiden sie dir auch den fetten Leib auf. Schließlich kannst du in deiner Einfachheit, in deiner Hässlichkeit ja durchaus interessant und nützlich sein. Vielleicht haben sie auch einfach ihren Spaß daran, Scheibe um Scheibe von dir abzuschneiden, bis nur noch dein müdes, von Grauen und Unverstehen erfülltes Gehirn übrig ist, das langsam vor sich hinstirbt. Vielleicht gibt es in ihrer Welt auch Fische, an die du verfüttert wirst. Vielleicht essen sie dich. Proteine wirst du ja wohl liefern können. Und wenn sie dir überlegen sind, mit welchem Recht, mit welcher Kraft willst du sie abhalten? Warum solltest du ihnen etwas verwehren, das du jeden Tag selbst in vollem Maße auslebst?

 

Die Wahrheit ist doch, dass wir alle Maden sind. Reg dich also nicht auf, du kannst sowieso nichts dagegen machen. Aber vielleicht erkennst du ja deine eigene Ekligkeit, deine eigene Hässlichkeit, deine eigene Arroganz.

Befreie dich von ihr, von deinem erbärmlichen Dasein.  Befreie dich von deinem weißen, glatt-schleimigen Leib, der dich in seiner kleinen Welt eingesperrt hat. Es gibt kein Entkommen, aber sich selbst zu befreien öffnet neue Wege. Versuch es, es ist eine Chance. Was hast du schon zu verlieren in dieser von Maden überfüllten, zerfressenen Welt?