„Lass uns über Liebe reden.“
„Liebe?“, entgegne ich erstaunt und sehe Maya fragend an.
„Ja, Liebe. Du weißt schon, diese besondere Art der Zuneigung, die Menschen empfinden können. Tiere vielleicht auch, keine Ahnung, aber darum geht es jetzt nicht. Ich meine auch nicht die viel zitierte und nie erreichte Nächstenliebe, ich spreche von reiner, normaler Liebe, die manchmal aus dem flüchtigen Gefühl des Verliebtseins hervor geht. Zwischen Ehepartnern, zum Beispiel.“
„Du spinnst, weißt du das?“
Und das stimmt, Maya ist wirklich etwas seltsam.
Wir sitzen jetzt schon seit einer Stunde auf dieser Bank, über uns die verdreckten Bahnhofslampen, um uns herum krabbeln Menschen wie Insekten hin und her in ihrem Wahn, den schmutzigen Alltag so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, obwohl sie ihm doch nie entfliehen können.
Wir sitzen hier jetzt schon seit einer Stunde, die wir hauptsächlich mit Schweigen und Rauchen verbracht haben. Ab und zu tauschen wir bedeutungslose, abfällige Worte über den Abschaum um uns herum aus.
Und jetzt will sie ausgerechnet über Liebe reden, über Nähe und Schönheit?!
„Also weißt du, Maya, ich hab zwar keine Ahnung, was das jetzt soll, aber gut, reden wir eben über Liebe. Ich glaube nicht an sie. Ich halte sie für ein Gerücht, für eine schöne Ausrede, um diese Existenz für schwache Menschen erträglicher zu machen.“
Ihr seltsames Lächeln, dass ihr Gesicht scheinbar niemals verlässt, wird etwas breiter und sie entgegnet:
„Ach, du glaubst also nicht an Liebe. Liebe ist eine Lüge, ja? Und dieses Pärchen dort, das belügt sich also deiner Meinung nach jeden Tag aufs Neue?“
Ich folge ihrem Blick und sehe Martha und Aya. Keine Ahnung, ob sie so heißen, aber sie sind schon seit fast einem Jahr jedes Wochenende wieder auf diesem Bahnsteig. Da musste ich ihnen ja irgendwann Namen geben.
Martha ist relativ klein und etwas pummelig. Ich habe bis heute nicht heraus gefunden, was sie beruflich macht, aber ich könnte sie mir sehr gut in einem Kindergarten vorstellen.
Sie sieht immer so ehrlich aus. Einmal hat sie einen Mann angeschrien, weil er sich über einen Punk aufgeregt hat. Sie ist zwar noch jung, in ihren Zwanzigern, aber dennoch wirkt sie sehr erwachsen. Als ob sie wirklich nach gutem Gewissen ihr Bestes gibt und ein vernünftiges Leben führt. Diese Art von Menschen, die es viel zu selten gibt.
Sie immer trifft als erstes ein, um auf Aya zu warten.
Aya ist bestimmt vietnamesischer Herkunft, jedenfalls seinem Aussehen und den wenigen Sprachfetzen nach zu urteilen, die ich ab und zu auffangen konnte. Aya ist ein Mann, trotz des Frauenname, den ich ihm gegeben habe. Er hat eine unglaublich sanfte, nette Ausstrahlung. Er trägt manchmal einen Anzug und sieht darin verdammt gut aus. Er ist absolut höflich und absolut niedlich. Und er sieht Martha an, als ob sie das absolut schönste Wesen auf der Welt ist.
Und ausgerechnet diese Menschen sollen sich jeden Tag ins Gesicht lügen?
Ich verstehe Mayas Frage und wiege den Kopf leicht hin und her.
„Naja, vielleicht war das zu krass formuliert. Ich glaube, der Unterschied liegt darin, ob man persönlich an die Liebe glaubt oder nicht. Martha und Aya glauben daran, eindeutig. Und wenn sie daran glauben, dann existiert diese Liebe zwischen ihnen auch. Liebe ist Definitionssache, ganz ehrlich. Und irgendwie ist es wie mit einer Religion, die für den Gläubigen die reine, absolute Wahrheit ist, während Außenstehende sie als Lüge beurteilen. Aber eigentlich hat niemand das Recht, über die Ansichten und Grundsätze andere zu urteilen. Also sollte ich wohl lieber sagen, dass Liebe sicherlich existiert, eben nur nicht für mich.“
Zufrieden mit meiner Antwort lehne ich mich zurück und zünde mir eine weitere Zigarette an. Ich wollte zwar eigentlich nicht mehr rauchen, aber was soll ich denn sonst mit all der Zeit anfangen?
Maya mustert mich interessiert von der Seite, und ihre hübschen bernsteinfarbenen Augen spiegeln das Halblächeln ihrer Lippen wider.
In diesem Moment sieht sie so schön und geheimnisvoll aus, dass ich sie einfach fragen muss.
„Und du? Glaubst du etwa an die Liebe?“
Denn irgendwie kann ich sie mir vorstellen, in dreißig, vierzig Jahren, mit einem Mann an ihrer Seite, der sie absolut vergöttert, der sie glücklich macht, und dem sie dann genau dieses mysteriöse Lächeln schenkt. Und ich frage mich, ob das Liebe ist. Sicherheit, Geborgenheit, geteilte Einsamkeit, Beständigkeit, die über Jahrzehnte andauert.
Ich weiß es nicht.
Doch Maya unterbricht meine wirren Gedanken mit ihrer sanften Stimme.
„Glauben? Für mich hat Liebe nichts mit Glauben zu tun. Liebe ist einfach. Man kann sie nicht steuern, man kann sie nicht kontrollieren. Aber ja, auch ich denke, dass nicht jeder Mensch lieben kann...
Doch weißt du, letztendlich ist das doch alles egal. Wenn man wirklich liebt, dann braucht man auch keine Worte mehr für dieses Gefühl, es sei denn, man will einen schlechten Roman darüber schreiben.
Außerdem kann Liebe so einfach sein, denn du vergisst die Liebe des Moments. Dieses Gefühl, das auf einmal auftaucht, eine beinahe gespenstische Nähe, ein plötzliches Verständnis, als ob man eins wird... Ein Augenblick, der nur ein Bruchteil einer menschlichen Ewigkeit ist, und dennoch mindestens genauso bedeutsam.“
Und als sie mich dabei offen ansieht und ihren Kopf an meine Schulter legt, muss auch ich lächeln.
Maya hat recht.
Manchmal braucht man einfach keine Worte.
Denn egal man es nun Liebe, Zuneigung oder Verbundenheit nennt, wichtig ist doch nur, dass es schön ist.