Ich renne so schnell ich kann, einen Fuß vor den anderen, nur nicht stolpern, nur nicht stürzen... und während ich mir hektisch den Weg durch die Menge bahne, verfluche ich all diese Zigaretten, ohne die ich anscheinend nicht mehr auskomme. Aber ehrlich mal, warum mussten diese Dinger auch den Körper so beeinträchtigen?! Ich könnte meine vollständige Lungenkapazität und sowieso eine allgemeine Grundfitness jetzt durchaus gebrauchen, vielen Dank!
Aber da ich leider immer nicht die Zeit zurück drehen oder innerhalb von weniger Sekunden wieder sportlich werden kann, bleibt mir nichts anderes übrig, als weiter zu rennen, zu keuchen, das Seitenstechen zu ignorieren und mein Leben mitsamt dieser speziellen Situation aufs gröbste zu verfluchen.
Nun ja, wenigstens lenkt mich das von dieser seltsamen Frau und meinem noch viel seltsameren Verhalten hab.
Zumindest hoffte ich das...
...aber wie das mit der Hoffnung nun einmal so ist, wird sie nur in den seltensten Fällen wirklich erhört. Und so kommt meine überstürzte Flucht - denn so sehr ich weg laufen auch hasse, nichts anderes ist es - zu einem abrupten Ende, als sich erstaunlich starke Finger in meine Schulter krallen und mit Schwung zurück reißen.
Ich werde durch diese Bewegung dermaßen aus dem Gleichgewicht gebracht, dass ich unwillkürlich stolpere und unsanft zu Boden stürze. Völlig außer Atem sitze ich also da, höre mein eigenes Herz rasen, das Blut rauscht in meinen Ohren - und der Grund für mein Unwohlbefinden steht neben mir und sieht mit undefinierbarem Gesichtsausdruck auf mich herab. Ich starre ebenso blank zurück.
Schließlich seufzt sie ungehalten und streckt mir eine ihrer hübschen Hände entgegen. Sie hat lange, schmale Finger, die perfekt dafür geeignet wäre, Klavier zu spielen. Oder Cembalo, den Klang eines Cembalos finde ich sogar noch schöner. Oder vielleicht spielt sie auch Violine... Aber all dieses Nachsinnen über mögliche klassische Instrumente, die sie beherrschen könnte, bringt mir gar nichts. Deswegen nehme ich einfach ihre Hand und lasse mir von ihr aufhelfen.
Ich habe keine Ahnung, was heute mit mir los ist, geschweige denn wie es jetzt weiter gehen soll. Also beschließe ich, mich einfach von der Sirenen Lady führen zu lassen, weil sie ja auch die jenige war, die mir hinterher gejagt ist. Da kann sie auch ruhig die Kontrolle über diese Situation übernehmen, ich bin momentan sowieso absolut überfordert.
Sie scheint das auch so zu sehen, denn ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen zieht sie mich hinter sich her. Sie findet graziös einen Weg durch all diese Menschen, nur ich stoße ab und zu gegen ein paar fremde Körper und murmele halbe Entschuldigungen. Ja, so verwirrt bin ich, dass ich mich sogar entschuldige...
Wir verlassen die Metro. Ich kenne mich hier nicht besonders aus, da in den großen Städten sowieso alle Straßen gleich aussehen. Also vertraue ich auch weiterhin meiner seltsamen Fremdenführerin, die im Gegensatz zu mir auf echte Ortskenntnisse zurück zu greifen scheint. Nur reden will sie anscheinend immer noch nicht. Soll mir recht sein, denn ich habe keine Ahnung, was ich zu ihr sagen sollte. Na ja, ich könnte mich vielleicht für mein abgedrehtes Verhalten von vorhin entschuldigen. Oder ihr mein Notizbuch zeigen. Oder sie nach ihrem Namen fragen. Oder danach, wie sie ihren Kaffee trinkt. Falls sie nicht doch eher der Tee-Mensch ist, kann man ja nie wissen. Ich zumindest nicht, meine Menschenkenntnis lässt manchmal zu wünschen übrig.
Sehr interessant geschrieben :) Eine scheinbar auswegslose Situation bekommt eine plötzliche Wendung, bei der man allerdings auch nicht weiß, was nun geschehen wird. Das würde mich wirklich interessieren und auch, wieso die Protagonistin von der mysteriösen Frau verfolgt wurde (warum hilft ihr die Frau plötzlich auf?) ;) Du siehst, ich mache mir Gedanken über die Hintergründe von Geschichten :D Deine detailierte Schreibweise und die ganzen Gedankengänge der Hauptpersonen gefallen mir total gut! :)
AntwortenLöschenHeey danke! Es ist echt lieb, wie du immer meine Einträge kommentierst und wie viele Gedanken du dir machst! (und die Komplimente freuen mich natürlich sowieso extremst)
AntwortenLöschenHaha, also, die ganze Sache ist eigentlich eine Art Fortsetzung zu der Kurzgeschichte Isolation. Da ich die Charaktere selbst ganz gerne mag, aber einfach nicht dazu komme und nicht ausdauernd genug bin, um mir ein wirkliches Konzept zu überlegen, wirds wohl immer wieder so kleine Fragmente geben, die aber alle im selben Universum spielen. Und nach und nach soll das Ganze dann einen Sinn ergeben, wenns gut läuft :D
Ja, bittegern! Es freut mich auch, wenn du dich freust :)
AntwortenLöschenUh oh, das kam mir auch schon iiirgendwie ein bisschen bekannt vor :D Aber da hab ich wohl den Zusammenhang zu "Isolation" nicht direkt erkannt ;) Ja, die Charaktere sind tiefgründig und haben ihre ganz eigene Persönlichkeit. Du, mach dir keine Sorgen um's Konzept. Mit kleinen Schritten kommt man auch ans Ziel ;)