Du wachst auf.
Du schaltest den Wecker aus, gehst ins Bad und putzt dir die Zähne.
Drei Minuten.
Du wäschst dir das Gesicht und kämmst dir die Haare.
Du frühstückst.
Ein einzelner roter Teller auf einem hellen, zerkratzten Holztisch.
Du nimmst den Bus zur Arbeit.
Acht Stunden im Büro.
Du kommst nach Hause. Licht an, Kühlschrank auf, Mikrowelle an, Fernseher an.
Abendunterhaltung.
Du gehst ins Bad. Zähneputzen.
Drei Minuten.
Du wäschst dir das Gesicht und kämmst dir die Haare.
Du gehst schlafen.
Licht aus.
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Du wachst auf.
Sonnenlicht brennt.
Du ziehst die Vorhänge zu und drehst dich um.
Du bist wach.
Stundenlang bist du wach.
Dann stehst du auf.
Du gehst spazieren. Frühstück unterwegs.
Hallo, guten Morgen, wie geht’s, schönes Wetter, danke, zum Mitnehmen, auf Wiedersehen.
Du lachst. Auf Wiedersehen? In dieser Stadt sieht man sich immer nur einmal. Und wenn man sich doch zweimal begegnet, hätte man darauf meist lieber verzichtet.
Du sitzt in einem Park. Kinder spielen.
Du musst die Welt einfach schön finden.
Du gehst nach Hause.
Drei verpasste Anrufe.
Hallo hier ist Mama, melde dich doch mal wieder wegen dem Essen nächste Woche.
Hallo hier ist Schmitti, aus der EDV, es gab ein Problem mit dem Netzwerk, aber ich arbeite am Wochenende dran.
Hier ist dein Date für den Abend. Sei einfach da.
Du bist da.
Sie kommt gegen acht.
Sie kocht. Ihr esst zusammen. Ihr seht euch ZDF kultur an.
Ihr schlaft nebeneinander auf der Couch ein.
Du wachst auf.
Sie ist weg.
Du gehst ins Bad, putzt dir die Zähne. Eine Minute.
Du legst dich ins Bett.
Licht aus.
Du schläfst nicht ein.
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Du wachst auf.
Es ist Samstag.
Du verbringst den Tag im Bett.
Als es dunkel wirst, stehst du auf.
Du putzt dir die Zähne. Zweimal.
Du gehst duschen.
Zehn Minuten.
Du ziehst dich an. Jeans. T-Shirt. Turnschuhe.
Deine Lederjacke, deine Schlüssel, dein Portemonnaie.
Asiatisches Take Away.
Du triffst dich mit deinen Freunden. Ihr umarmt euch, ihr schreit euch über die dröhnenden Bässe an und tut so, als ob ihr euch verstehen würdet.
Zuckende Körper, blitzende Lichter.
Ihr tanzt.
Irgendjemand drückt dir ein kaltes Glas in die Hand.
Fünfmal Schlucken.
Du gehst zur Bar und trinkst ein Bier.
Neben dir steht eine junge Frau. Du nickst ihr zu. Sie lächelt distanziert.
Du gehst raus.
Fünf Minuten Ruhe.
Du gehst rein.
Zuckende Lichter, blitzende Körper.
Und du mitten drin.
Du drehst dich mit geschlossenen Augen, bis alles hell wird, bis du die Musik sehen kannst.
Farben, Formen, pulsierendes Licht.
Du machst die Augen auf und siehst den Sternenhimmel.
Neben dir ist die Frau von der Bar.
Du fragst sie nach ihrem Namen.
Tara.
Schön dich kennen zu lernen.
Ihr unterhaltet euch.
Sie ruft dir ein Taxi, nachdem sie erkennt, dass du viel eher mit dir selbst redest.
Du wäschst dir das Gesicht.
Du putzt dir die Zähne.
Ein halbe Minute.
Wenn du mal stirbst, sollst du wenigstens saubere Zähne haben.
Hat Mama immer gesagt.
Du fällst erschöpft ins Bett und vergisst dabei einzuschlafen.
Leere.
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Du wachst auf.
Der Laptop ist an. Facebook.
Oh yeah die Party war geil ich bin immer noch voll cool oder.
Dir ist schlecht.
Du kotzt in die Dusche und putzt dir die Zähne.
Dreimal. Immer und immer wieder.
Tee und Zwieback.
Später etwas Orangensaft.
AspirinAspirinAspirin.
Du denkst an Tara. Chance vertan.
Du denkst an deine Freunde. Freunde?
Du denkst an Schmitti aus der EDV. Ob sich das Netzwerkproblem erledigt hat?
Du gehst wieder schlafen.
Zwei Stunden.
Du wachst auf und du brauchstbrauchstbrauchst.
Etwas.
Alles.
Du suchst.
Keine Zigaretten. Kein Alkohol.
Du willst nicht, aber du musst, aber du darfst nicht.
Du gehst raus.
Schnell. Schneller. Du rennst.
Dir ist kalt dir ist warm alles ist zuvielzuvwenig.
Unvollständig.
Du bist weg.
Du stehst auf dem Fußweg.
Es ist niemand da.
Auch nicht Tara.
Lichter ziehen vorbei. Motoren.
Du gehst weiter. Du stolperst.
Bremsen, Quietschen, Hupen.
Du hast den Bus nicht gesehen.
Der Busfahrer schreit dich an, alle sehen dich an und urteilen, schimpfen.
Du hättest sterben können.
Durch einen dummen Zufall hättest du heute, hier sterben können.
Deine Leiche mitten auf der Straße.
Und um dich herum all diese Menschen, die dich nicht kennen, nicht kennen wollen. Die dich anschreien und dich für dumm, blind, nutzlos erklären.
Kein Mitgefühl.
Es gibt kein Mitgefühl für diejenigen, die keines geben.
Es gibt kein Mitgefühl für diejenigen, die es sich nicht eingestehen.
Du brauchst.
Menschen. Leben.
So willst du nicht sterben.
Und endlich bist du wach.
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Du wachst auf.
Du schaltest den Wecker aus, gehst ins Bad und putzt dir die Zähne.
Drei Minuten.
Du wäschst dir das Gesicht und kämmst dir die Haare.
Du frühstückst.
Ein einzelner roter Teller auf einem hellen, zerkratzten Holztisch.
Du nimmst den Bus zur Arbeit.
Du steigst eine Haltestelle früher aus, Coffee to go.
Einen Becher für dich, mit etwas Milch.
Einen Becher für Schmitti aus der EDV.
Es ist Montag.
Montag ist ein schöner Tag.
Du lächelst.
