Samstag, 30. Juli 2011

Wochenende

Du wachst auf.

Du schaltest den Wecker aus, gehst ins Bad und putzt dir die Zähne.
Drei Minuten.
Du wäschst dir das Gesicht und kämmst dir die Haare.

Du frühstückst.
Ein einzelner roter Teller auf einem hellen, zerkratzten Holztisch.

Du nimmst den Bus zur Arbeit.

Acht Stunden im Büro.

Du kommst nach Hause. Licht an, Kühlschrank auf, Mikrowelle an, Fernseher an.

Abendunterhaltung.

Du gehst ins Bad. Zähneputzen.
Drei Minuten.
Du wäschst dir das Gesicht und kämmst dir die Haare.

Du gehst schlafen.
Licht aus.

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Du wachst auf.

Sonnenlicht brennt.
Du ziehst die Vorhänge zu und drehst dich um.

Du bist wach.

Stundenlang bist du wach.

Dann stehst du auf.

Du gehst spazieren. Frühstück unterwegs.
Hallo, guten Morgen, wie geht’s, schönes Wetter, danke, zum Mitnehmen, auf Wiedersehen.

Du lachst. Auf Wiedersehen? In dieser Stadt sieht man sich immer nur einmal. Und wenn man sich doch zweimal begegnet, hätte man darauf meist lieber verzichtet.

Du sitzt in einem Park. Kinder spielen.
Du musst die Welt einfach schön finden.

Du gehst nach Hause.

Drei verpasste Anrufe.

Hallo hier ist Mama, melde dich doch mal wieder wegen dem Essen nächste Woche.
Hallo hier ist Schmitti, aus der EDV, es gab ein Problem mit dem Netzwerk, aber ich arbeite am Wochenende dran.
Hier ist dein Date für den Abend. Sei einfach da.

Du bist da.

Sie kommt gegen acht.
Sie kocht. Ihr esst zusammen. Ihr seht euch ZDF kultur an.
Ihr schlaft nebeneinander auf der Couch ein.

Du wachst auf.
Sie ist weg.

Du gehst ins Bad, putzt dir die Zähne. Eine Minute.

Du legst dich ins Bett.
Licht aus.

Du schläfst nicht ein.

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Du wachst auf.

Es ist Samstag.

Du verbringst den Tag im Bett.

Als es dunkel wirst, stehst du auf.
Du putzt dir die Zähne. Zweimal.
Du gehst duschen.
Zehn Minuten.

Du ziehst dich an. Jeans. T-Shirt. Turnschuhe.
Deine Lederjacke, deine Schlüssel, dein Portemonnaie.

Asiatisches Take Away.

Du triffst dich mit deinen Freunden. Ihr umarmt euch, ihr schreit euch über die dröhnenden Bässe an und tut so, als ob ihr euch verstehen würdet.

Zuckende Körper, blitzende Lichter.
Ihr tanzt.
Irgendjemand drückt dir ein kaltes Glas in die Hand.
Fünfmal Schlucken.

Du gehst zur Bar und trinkst ein Bier.
Neben dir steht eine junge Frau. Du nickst ihr zu. Sie lächelt distanziert.

Du gehst raus.
Fünf Minuten Ruhe.

Du gehst rein.

Zuckende Lichter, blitzende Körper.
Und du mitten drin.

Du drehst dich mit geschlossenen Augen, bis alles hell wird, bis du die Musik sehen kannst.
Farben, Formen, pulsierendes Licht.

Du machst die Augen auf und siehst den Sternenhimmel.

Neben dir ist die Frau von der Bar.
Du fragst sie nach ihrem Namen.
Tara.
Schön dich kennen zu lernen.

Ihr unterhaltet euch.

Sie ruft dir ein Taxi, nachdem sie erkennt, dass du viel eher mit dir selbst redest.

Du wäschst dir das Gesicht.
Du putzt dir die Zähne.
Ein halbe Minute.

Wenn du mal stirbst, sollst du wenigstens saubere Zähne haben.
Hat Mama immer gesagt.

Du fällst erschöpft ins Bett und vergisst dabei einzuschlafen.

Leere.


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Du wachst auf.
Der Laptop ist an. Facebook.
Oh yeah die Party war geil ich bin immer noch voll cool oder.

Dir ist schlecht.
Du kotzt in die Dusche und putzt dir die Zähne.
Dreimal. Immer und immer wieder.

Tee und Zwieback.
Später etwas Orangensaft.
AspirinAspirinAspirin.

Du denkst an Tara. Chance vertan.
Du denkst an deine Freunde. Freunde?

Du denkst an Schmitti aus der EDV. Ob sich das Netzwerkproblem erledigt hat?

Du gehst wieder schlafen.
Zwei Stunden.
Du wachst auf und du brauchstbrauchstbrauchst.
Etwas.
Alles.

Du suchst.
Keine Zigaretten. Kein Alkohol.
Du willst nicht, aber du musst, aber du darfst nicht.

Du gehst raus.
Schnell. Schneller. Du rennst.

Dir ist kalt dir ist warm alles ist zuvielzuvwenig.
Unvollständig.

Du bist weg.

Du stehst auf dem Fußweg.
Es ist niemand da.
Auch nicht Tara.

Lichter ziehen vorbei. Motoren.

Du gehst weiter. Du stolperst.
Bremsen, Quietschen, Hupen.

Du hast den Bus nicht gesehen.
Der Busfahrer schreit dich an, alle sehen dich an und urteilen, schimpfen.


Du hättest sterben können.
Durch einen dummen Zufall hättest du heute, hier sterben können.
Deine Leiche mitten auf der Straße.
Und um dich herum all diese Menschen, die dich nicht kennen, nicht kennen wollen. Die dich anschreien und dich für dumm, blind, nutzlos erklären.

Kein Mitgefühl.

Es gibt kein Mitgefühl für diejenigen, die keines geben.
Es gibt kein Mitgefühl für diejenigen, die es sich nicht eingestehen.

Du brauchst.

Menschen. Leben.
So willst du nicht sterben.


Und endlich bist du wach.

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Du wachst auf.

Du schaltest den Wecker aus, gehst ins Bad und putzt dir die Zähne.
Drei Minuten.
Du wäschst dir das Gesicht und kämmst dir die Haare.

Du frühstückst.
Ein einzelner roter Teller auf einem hellen, zerkratzten Holztisch.

Du nimmst den Bus zur Arbeit.

Du steigst eine Haltestelle früher aus, Coffee to go.
Einen Becher für dich, mit etwas Milch.
Einen Becher für Schmitti aus der EDV.

Es ist Montag.
Montag ist ein schöner Tag.

Du lächelst.

Donnerstag, 28. Juli 2011

Urlaubsliteratur

Ich hatte mir für den Urlaub drei Klassiker mitgenommen:
Jane Austens Pride and Prejudice, J.D. Salingers Catcher in the Rye und Charlotte Brontes Jane Eyre.

Catcher in the Rye gefällt mir bisher am besten. Das wäre ein cooles Schul- oder Unibuch, weil man wirklich schön die sprachlichen Mittel und deren Wirkung analysieren kann - leider nerven die ganzen Wiederholungen mit der Zeit etwas. Aber immerhin habe ich schon über die Hälfte geschafft und finde es bis jetzt noch immer lesenswert.

Da hatte es Pride and Prejudice schon etwas schwerer... Liegt eben daran, dass es ein Buch aus dem 19. Jahrhundert ist. Da sind Plot und Schreibstil eben etwas ungewohnt für den "modernen Leser". Teilweise anstrengend zu lesen, weil die Frage aufkommt, ob die denn damals wirklich nichts anderes zu tun hatten, als sich über Manieren aufzuregen und ihre Kinder zu verheiraten. Wenn man sich aber auf die Charaktere und die Umstände der damaligen Zeit einlässt, ist es kein schlechtes Buch, man muss eben wirklich in der richtigen Stimmung sein. Mehr als das erste Drittel habe ich deswegen noch nicht geschafft.

Und nun zum absoluten Horror: Jane Eyre. Jane ist ein Waisenkind, das bei einer anderen Familie aufwächst, wo sie von den Erwachsenen igoniert und von den Kindern diskriminiert und geschlagen wird. Dabei ist sie doch so ein liebes, fleißiges, intelligentes kleines Mädchen... AAAAH da möchte man wirklich nur schreien. Mehr als die ersten 8 Seiten habe ich nicht geschafft, weil ich Jane so unfassbar unsympathisch finde und das Buch komplett in der ersten Person aus ihrer Sicht geschrieben ist. Wirklich, warum dieses Buch ein Klassiker sein soll, ist mir schleierhaft...

Insgesamt habe ich also kein einziges der Bücher fertig gelesen (auch wenn ich das bei den ersten beiden noch tun werde), man muss aber dazu sagen, dass ich zusätzlich um die 50 Fanfictions und noch ein paar weitere ebooks dabei hatte (zB Jane S. Fanchers Netwalkers-Serie, sehr verwirrte, psycho-gestörte Sci Fi Literatur!).

...am Ende habe ich mir Fight Club gekauft und in zwei Tagen durchgelesen.
Das ist ein Buch, was wirklich paranoid macht - und ich kann nicht fassen, dass ich es nicht schon eher gelesen habe. Das Buch ist so genial, dass mir die Worte fehlen.

People always ask me if I know Tyler Durden.

Donnerstag, 21. Juli 2011


...was es in Schweden auch cooles gibt: Schaukeln, Wippen, Spielplätze! *____*

Montag, 18. Juli 2011

Das nenne ich mal eine aufregende Zeit!

Vor einer Woche war ich noch im Krankenhaus, jetzt bin ich in Schweden, am Wochenende gehts nach Dänemark und wieder zurück nach Deutschland...

Aber der Reihe nach: Am Samstag vor zwei Wochen hatte ich recht unschönen Bluthusten.
Ich meine, jeder muss wohl mal ein bisschen Blut ausspucken, weil man sich auf die Zunge gebissen hat oder eine Zahnfleischentzündung oder so etwas - aber das man in Mengen, die dann im Krankenhaus "kaffeelöffelweise" betitelt wurden, Blut auswirft, ist dann doch etwas erschreckend. Vor allem, weil es ja dann im weißen Waschbecken doch noch wesentlich mehr aussieht, als es eigentlich ist!
Dieses Fiasko folgte dann eine Woche Krankenhausaufenthalt, währenddessen ich jeden Tag aufs Neue hoffte, endlich nach Hause zu dürfen und mich auch dreimal fast selbst entlassen hätte.
Wirklich, Krankenhäuser sind deprimierend. Vor allem die Lungenstation - der Altersdurchschnitt der Patienten liegt wohl so bei 60.
Immer nur von alten, kranken Menschen umgeben.
Überall Desinfektionsmittel.
Ständig die Angst, sich mit irgendwelchen Keimen zu infizieren. Deswegen auch tausendmal am Tag die Hände desinfizieren.
Drei Tage und zwei Nächte die Flexyle im Arm - ich habe Angst vor Spritzen. Albträume, am liebsten hätte ich mir das Teil aus dem Arm gerissen.
Dazu Bronchoskopie, Bluttests, EKG, Röntgen und CT. Danach drei Tage rumliegen und auf die Laborergebnisse warten.
Ständig der Gedanke - am Wochenende willst du nach Schweden fahren, was wenn sie dich bis dahin nicht entlassen?

Am Freitag Nachmittag dann endlich Entwarnung - keine Autoimmunerkrankung. Dafür wochenlang Tabletten schlucken, damit sich die blutende Lunge nicht enzündet.

Glück gehabt.
Endlich nach Hause.

Und am Sonntag gings los nach Schweden, Urlaub mit meinen Eltern.
Rundreise, von einer Stadt zur anderen, einmal rund um Südschweden.

Überall Wasser, Wald, Natur. Malerische Städte. Unglaublich schöne blonde, blauäugige, sportliche, nette Menschen. Eine extrem niedliche Sprache (klingt für meine Ohren wie eine Mischung aus Englisch, Deutsch und Holländisch).
Und Stockholm!

Der Reisebericht folgt noch, wenn ich wieder zu Hause bin. Bis dahin sei erstmal gesagt - Schweden, und Nordeuropa wahrscheinlich im Allgemeinen, ist im Sommer wunderschön und liegt mir tausendmal besser als Spanien oder Italien.

Freitag, 8. Juli 2011

Lesen stumpft ab

Ich bin normalerweise ein sentimentaler Mensch.
Ich empfinde Mitgefühl mit meinen Mitmenschen. Ich möchte meinen Freunden helfen, wenn es ihnen schlecht geht. Wenn ich mich traurig, hilflos oder überfordert fühle, zittere oder weine ich. Wenn ich Freude empfinde, lache ich. Ich versuche mich so oft wie möglich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Das alles soll nicht heißen, dass ich absolut überemotional bin und oft im Gefühlsüberschwang handele. Im Gegenteil, ich lege großen Wert auf das Rationale, Nachvollziehbare. Aber meine Gefühle sind nun mal ebenso wichtig und lassen sich nicht immer dem Verstand unterwerfen.

Dennoch begrenzt sich diese Emotionalität - bezogen auf andere Menschen, also Sympathie und Empathie – nur auf Freunde. Ich erfreue mich nicht am Leid Fremder, aber das Schicksal unbekannter Leute berührt mich meist überhaupt nicht.
Der ehemalige Bürgermeister meines Dorfes, den wir alle kannten, erkrankte an Krebs und hat im letzten Jahr sichtlich ein Drittel seines Gewichts verloren. Mein Vater guckt betroffen, wenn wir ihn sehen, meine Mutter weint. Ich spüre nichts.
In den Nachrichten wird gezeigt, dass Jugendliche meiner Altersklasse einige Kilometer von uns entfernt bei einem Busunglück ums Leben kamen. Meine Eltern sind beide mitgenommen, ich empfinde nichts.

Ich habe diese seltsame Theorie, dass das etwas mit meiner Kindheit zu tun hat. Als Kind spielte ich oft. Das ist normal. Im Gegensatz zu anderen Kinder spielte ich jedoch hauptsächlich mit mir selbst, indem ich mir in meinem Kopf eine Geschichte erzählte und diese mit Legofiguren nachstellte. Fast die gesamte Handlung und natürlich alle Dialoge fanden still in meinem Kopf statt.
Außerdem habe ich viel gelesen. Ich hatte kaum Freunde, deswegen verbrachte ich meine Kindheit mit Büchern. Zunächst Kinderbücher, dann Pferdebücher, dann Fantasy, Sci Fi und Dramen.
Lesen ist wichtig für Kinder, es bildet sie weiter und erweitert den Wortschatz.
Lesen berührt. Das ist für mich das Wichtigste. Lesen, das ist die Entführung in eine andere Welt, das Erleben von Abenteuern und Geschichten fernab der eigenen Realität.
Und so wurde ich zu einem Teil meiner Geschichten.
Ich war die Schwester, die ihren Bruder verlor.
Ich war die Mutter, die von ihrem Mann verlassen wurde.
Ich war der Soldat, der seinen besten Freund im Krieg sterben sah.
Ich war Drachenjäger und Dieb, Prinzessin und Hure, ich wurde gefoltert, entführt, verletzt, vergiftet, ich wurde getötet und wieder zum Leben erweckt.
Ich hatte Liebeskummer und Liebesglück. Ich hatte eine Familie oder einen ganzen Clan.

Ich versetzte mich so in die fremden Welten hinein, dass es zur Sucht wurde. Zwei, drei Bücher am Tag waren keine Seltenheit. Und irgendwann waren auch reale Ereignisse nicht mehr so wichtig und grundlegend _real_ wie zuvor.
Ein ganzes Dorf verschlungen von der Lava eines Vulkans?
Ein Vater, der seine Familie umbrachte?
Krieg in Afghanistan?

Ich habe es alles schon einmal erlebt, zumindest in meinem Kopf. Ich habe es stellvertretend gefühlt, in anderen Welten, mit anderen Hintergründen, anderen Personen. Aber ich habe mich eben schon mit der Möglichkeit auseinandergesetzt, dass auch mir so etwas passieren kann.
Denn genau das steckt hinter einem Großteil des Mitgefühls für Fremde – der Gedanke „Was wäre, wenn das mir passiert wäre?“

Lesen stumpft ab. Weil es alle schrecklichen Szenarien detailliert darstellt. Weil es Gefühle erschreckend gut vermitteln kann. Weil man sich mit dem auseinandersetzt, was man liest, und sich in einem gewissen Maße daran gewöhnt.



Wenn mir die Mutter, die ihr Kind durch den Fehler eines Arztes im Krankenhaus verloren hat, nicht leid tut, hat das also nichts damit zu tun, dass es mir egal ist – ich habe nur dieses Gefühl schon durchgespielt, mich in diese Rolle hineinversetzt, es ist nichts direkt „Neues“ mehr für mich.
Und wenn ich an allem Anteil haben würde, was ich sehe oder höre, könnte ich nicht funktionieren.

Also ist es wahrscheinlich eine Mischung aus Verkopftheit und Selbstschutzmechanismus, der mich hauptsächlich mit meinen Freunden mitfühlen lässt, während mir fremdes Leid nur ein müdes Kopfschütteln abringt.

Ich sage nur – das Lesen ist schuld.