Ich bin normalerweise ein sentimentaler Mensch.
Ich empfinde Mitgefühl mit meinen Mitmenschen. Ich möchte meinen Freunden helfen, wenn es ihnen schlecht geht. Wenn ich mich traurig, hilflos oder überfordert fühle, zittere oder weine ich. Wenn ich Freude empfinde, lache ich. Ich versuche mich so oft wie möglich in andere Menschen hineinzuversetzen.
Das alles soll nicht heißen, dass ich absolut überemotional bin und oft im Gefühlsüberschwang handele. Im Gegenteil, ich lege großen Wert auf das Rationale, Nachvollziehbare. Aber meine Gefühle sind nun mal ebenso wichtig und lassen sich nicht immer dem Verstand unterwerfen.
Dennoch begrenzt sich diese Emotionalität - bezogen auf andere Menschen, also Sympathie und Empathie – nur auf Freunde. Ich erfreue mich nicht am Leid Fremder, aber das Schicksal unbekannter Leute berührt mich meist überhaupt nicht.
Der ehemalige Bürgermeister meines Dorfes, den wir alle kannten, erkrankte an Krebs und hat im letzten Jahr sichtlich ein Drittel seines Gewichts verloren. Mein Vater guckt betroffen, wenn wir ihn sehen, meine Mutter weint. Ich spüre nichts.
In den Nachrichten wird gezeigt, dass Jugendliche meiner Altersklasse einige Kilometer von uns entfernt bei einem Busunglück ums Leben kamen. Meine Eltern sind beide mitgenommen, ich empfinde nichts.
Ich habe diese seltsame Theorie, dass das etwas mit meiner Kindheit zu tun hat. Als Kind spielte ich oft. Das ist normal. Im Gegensatz zu anderen Kinder spielte ich jedoch hauptsächlich mit mir selbst, indem ich mir in meinem Kopf eine Geschichte erzählte und diese mit Legofiguren nachstellte. Fast die gesamte Handlung und natürlich alle Dialoge fanden still in meinem Kopf statt.
Außerdem habe ich viel gelesen. Ich hatte kaum Freunde, deswegen verbrachte ich meine Kindheit mit Büchern. Zunächst Kinderbücher, dann Pferdebücher, dann Fantasy, Sci Fi und Dramen.
Lesen ist wichtig für Kinder, es bildet sie weiter und erweitert den Wortschatz.
Lesen berührt. Das ist für mich das Wichtigste. Lesen, das ist die Entführung in eine andere Welt, das Erleben von Abenteuern und Geschichten fernab der eigenen Realität.
Und so wurde ich zu einem Teil meiner Geschichten.
Ich war die Schwester, die ihren Bruder verlor.
Ich war die Mutter, die von ihrem Mann verlassen wurde.
Ich war der Soldat, der seinen besten Freund im Krieg sterben sah.
Ich war Drachenjäger und Dieb, Prinzessin und Hure, ich wurde gefoltert, entführt, verletzt, vergiftet, ich wurde getötet und wieder zum Leben erweckt.
Ich hatte Liebeskummer und Liebesglück. Ich hatte eine Familie oder einen ganzen Clan.
Ich versetzte mich so in die fremden Welten hinein, dass es zur Sucht wurde. Zwei, drei Bücher am Tag waren keine Seltenheit. Und irgendwann waren auch reale Ereignisse nicht mehr so wichtig und grundlegend _real_ wie zuvor.
Ein ganzes Dorf verschlungen von der Lava eines Vulkans?
Ein Vater, der seine Familie umbrachte?
Krieg in Afghanistan?
Ich habe es alles schon einmal erlebt, zumindest in meinem Kopf. Ich habe es stellvertretend gefühlt, in anderen Welten, mit anderen Hintergründen, anderen Personen. Aber ich habe mich eben schon mit der Möglichkeit auseinandergesetzt, dass auch mir so etwas passieren kann.
Denn genau das steckt hinter einem Großteil des Mitgefühls für Fremde – der Gedanke „Was wäre, wenn das mir passiert wäre?“
Lesen stumpft ab. Weil es alle schrecklichen Szenarien detailliert darstellt. Weil es Gefühle erschreckend gut vermitteln kann. Weil man sich mit dem auseinandersetzt, was man liest, und sich in einem gewissen Maße daran gewöhnt.
Wenn mir die Mutter, die ihr Kind durch den Fehler eines Arztes im Krankenhaus verloren hat, nicht leid tut, hat das also nichts damit zu tun, dass es mir egal ist – ich habe nur dieses Gefühl schon durchgespielt, mich in diese Rolle hineinversetzt, es ist nichts direkt „Neues“ mehr für mich.
Und wenn ich an allem Anteil haben würde, was ich sehe oder höre, könnte ich nicht funktionieren.
Also ist es wahrscheinlich eine Mischung aus Verkopftheit und Selbstschutzmechanismus, der mich hauptsächlich mit meinen Freunden mitfühlen lässt, während mir fremdes Leid nur ein müdes Kopfschütteln abringt.
Ich sage nur – das Lesen ist schuld.
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Deine Gedanken sind unwahrscheinlich komplex. Ich liebe es Einträge von dir zu lesen, in denen du einfach nur schreibst was du denkst. Ich kann fast alles, fast immer nachvollziehen. Und deine Gedanken sind dazu in der Lage, meine anzuregen. Du machst mich oft nachdenklich. Du solltes Schrifsteller werde. Einfach weil du es schaffst so zu schreiben, dass der Leser die Wahrheit in deinen Worten erkennen kann und weil du andere zum Nachdenken anregen kannst!
AntwortenLöschenDu glaubst gar nicht, wie geehrt ich mich durch dein Kommentar fühle! Danke!
AntwortenLöschenEs freut mich unglaublich, dass du mich so gut nachvollziehen kannst. Dass du mich verstehst. Dass ich es schaffe, anderen einen teil meiner Gedanken und meiner Sichtweise zu zeigen.
Und als Kind wollte ich tatsächlich immer Schriftstellerin werden :) Dann wollte ich Englisch studieren und übersetzten. Und jetzt hab ich mich für Psychologie beworben... Aber am Ende steht immer noch die Chance Wissenschaftsjournalismus! :D